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Protagonisten vorstellen

Protagonisten sind wichtig. Klar, sie sind der Dreh- und Angelpunkt deiner Geschichte. Ohne sie gäbe es kein Buch.

Damit deine Leser deinen Protagonisten nicht nur kennen, sondern auch lieben lernen können, ist es umso wichtiger, ihn oder sie entsprechend vorzustellen.

Wie auf einer Familienfeier, zu der du das erste Mal deinen neuen Lebenspartner vorstellst, solltest du auch in deinem Buch darauf achten, dem Leser nicht alle Informationen auf einmal vor die Füße zu werfen und ihn damit zu überfordern. Geh die Sache lieber etwas behutsamer an.

Die meisten Menschen brauchen etwas Zeit, bevor sie sich entscheiden können, ob sie jemanden leiden können oder nicht.

Photo by Vil Son on Unsplash

Auf welche Punkte kommt es bei der Vorstellung deines Protagonisten an?

Dazu habe ich eine kleine Liste erstellt, die meine persönliche Meinung zu dem Thema widerspiegelt. Das bedeutet, dass diese Liste keinen allgemein gültigen Wert besitzt und du das schon wieder ganz anders sehen könntest.

An erster Stelle steht hier, was ich für den ersten Moment am Wichtigsten halten. An letzte Stelle steht, was bis zum Schluss warten kann. Wieder ganz nach dem Prinzip „Ich stelle meinen Freund meiner Familie vor“.

1. Allgemeine Fakten

Das sind die Dinge, die wir alle auch auf unseren Ausweisen stehen haben: Name, Alter, Wohnort, Geschlecht,… Informationen, ohne die wir nur ein formloser Fleck in der Landschaft wären.

2. Äußeres

So banal es klingt, aber Menschen sind visuelle Wesen. Wir verbinden das Aussehen einer Person sofort mit deren Charakter. Wenn man jemanden nur flüchtig oder aus Erzählungen (von Freunden beispielsweise) kennt, spielt das Äußere oft sogar eine wichtigere Rolle als der Name.

„Ach, du meinst den Großen? Mit den vielen Pickeln?“

Auch wenn es nicht immer nett ist, hat jeder Mensch doch 2-3 herausragende Eigenschaften, die einem auf den ersten Blick ins Auge stechen und an die wir uns am ehesten erinnern.

Darum reicht es oft bei einer ersten flüchtigen Beschreibung einer Figur (egal ob Protagonist oder die nebensächlichste Nebenfigur) genau diese 2-3 Dinge zu nennen, damit der Leser sich ein Bild machen kann.

Diese Dinge sind dabei nicht immer Haarfarbe, Augenfarbe, Größe, wie uns manche Bücher vielleicht weismachen wollen (besonders schlimm in Teenie-Fantasy-Romanzen). Es gibt sicher zig große Typen mit schwarzem Haar und grünen Augen.

Was interessant ist und woran man sich erinnert, sind seine Hakennase, der eine schiefe Zahn, den man nur sieht, wenn er lacht, der auffällige Leberfleck unter seinem linken Auge, die feine Silberkette mit dem Ring einer Frau um seinem Hals…

Ich habe mir das alles eben erst ausgedacht und noch nicht groß drüber nachgedacht, doch ich bin mir sicher, die hattest gerade ein recht genaues Bild dieser Person in deinem Kopf und auch eine Vermutung, was es mit dem Ring auf sich haben könnte.

3. Hintergründe

Dazu zählen für mich all die sozialen Hintergründe, die Herkunft einer Person, Familie, Freunde, Beruf, sonstiges Umfeld.

Wo kommt der Charakter her? Aus dem Ghetto? Von einer Farm? Aus den nobelsten Familie der Stadt?

Mit wem umgibt er sich? Waren diese Leute seine erste Wahl oder ist er aus irgendwelchen Gründen verpflichtet, seine Zeit mit ihnen zu verbringen? Wie steht er zu seiner Familie?

All diese Fragen prägen einen Menschen. Zwar können die allgemeinen Fakten (z.B.: Wohnort und Alter) und das Aussehen schon einige Hinweise auf diese Hintergründe liefern, doch genau weiß man es erst, wenn man mit der betreffenden Person ins Gespräch tritt. Alles andere sind nur Ahnungen und Vorurteile, die sich vielleicht, vielleicht aber auch nicht, ganz oder teilweise, bewahrheiten können.

4. Herausragendste Charaktereigenschaften

Wir haben mittlerweile ein ganz gutes Bild von unserem Protagonisten, haben ihn gesehen, ein paar Sachen über ihn erfahren. Vielleicht können wir auch schon darüber urteilen, ob wir ihn nett finden oder nicht. Doch wir haben ihn noch nicht in Aktion erlebt. Alles, was wir bisher über ihn wissen, hatten wir in einem einzigen Gespräch herausfinden können.

Und was erzählt wir, muss sich nicht immer bewahrheiten.

Dieser Prozess herauszufinden, welche Eigenschaften jemand wirklich besitzt, kann einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Denn diese herausragendsten, grundlegendsten Charaktereigenschaften muss man erlebt und gesehen haben, bevor man sie ernsthaft jemandem zuschreiben kann.

Ich rede hier von Eigenschaften wie Mut, Verlogenheit, Güte, Grausamkeit, Selbstlosigkeit, Intelligenz. Die Fähigkeit bedingungslos zu lieben oder zu hassen.

Sicherlich kann jeder diese Dinge von sich oder anderen behaupten, doch ob es stimmt, müssen wir mit eigenen Augen sehen und erleben, bevor wir es glauben.

5. Die Vergangenheit deines Protagonisten

Dazu zähle ich vor allem die Abschnitte der Vergangenheit, über die man nicht gern redet, die einen zumeist aber entscheidend geformt haben, auf ihre eigene, verquere Weise. Manche mögen auch Backstory dazu sagen.

Das sind zum Beispiel Freunde, die einen enttäuscht und verraten haben, mit denen man nicht länger assoziiert werden möchte. Das sind Badeunfälle in der Kindheit, der Tod eines geliebten Menschen. Eigene, schlechte Taten, die man vielleicht aus der Not heraus begangen hatte, doch die einen noch immer verfolgen.

Das sind alles Sachen, die man keinem Fremden beim ersten Treffen über sich erzählen würde (außer vielleicht man weiß, dass man diesen Fremden nie wieder sehen wird) und auch keinem guten Bekannten. Das sind Dinge, die man selbst am liebsten vergisst und sich erst eingesteht, wenn kein Weg mehr daran vorbei führt.

Photo by Ross Sokolovski on Unsplash

WIE soll ich meinen Protagonisten am besten vorstellen? – Die Techniken

Es gibt ein paar Handgriffe für Faule, die einem helfen den Protagonisten schnell und effizient vorzustellen. Ich würde dir diese Tricks nicht empfehlen, sie sind billig und meist nicht so schön. Der Vollständigkeit zuliebe möchte ich sie hier jedoch nennen.

(Es gibt sicher noch mehr Methoden. Wenn dir noch eine einfällt, schreib sie mir unten in die Kommentare und ich füge sie vielleicht hinzu.)

Was du lieber lassen solltest – die billigen Tricks

  1. Der Traum
    • Steht meist ganz zu Beginn, im ersten Kapitel oder Prolog
    • einfache Methode ein Kindheitstrauma, meist rätselhaft und leicht verschwommen, aufzuzeigen oder die Zukunft anzudeuten
    • Funktioniert eigentlich nur bei Ich-Erzählern.
    • Warum du das nicht verwenden solltest:
      • Wurde schon zu oft gemacht, ist beinahe schon ein Klischee
      • billiger Hook
      • Zieht die Backstory an erste Stelle. Bevor man überhaupt weiß, wer der Protagonist jetzt ist, erhält man einen Eindruck seines dunkelsten Geheimnisses/seiner Ängste. Das interessiert den Leser an dieser Stelle meist noch gar nicht und kann ihn sogar nerven.
      • Oft werden diese Geheimnisse/Ängste/Traumata auch später im Buch nochmal thematisiert, was den Traum irrelevant macht.
  2. Der Spiegeltrick
    • irgendwann innerhalb des ersten (manchmal auch zweiten) Kapitels stellt sich der Protagonist vor den Spiegel und beschreibt, was er sieht: sich selbst.
    • Warum du das nicht verwenden solltest:
      • billige Masche, um den Protagonisten schnell äußerlich zu beschreiben, da das sonst, besonders beim Ich-Erzähler, meist mehr Kreativität erfordert.
      • Es wurde schon zu oft gemacht. Manche Bücher scheinen da einer Formel zu folgen.
  3. Ein paar Stunden Alltag
    • Der Leser begleitet den Protagonisten in den Tag: Träumen -> Aufwachen -> Anziehen – > In den Spiegel sehen -> Zähneputzen -> Rucksack packen -> Frühstücken -> mit der besten Freundin treffen -> …
    • Verbindet meist mehrere Komponenten miteinander. Zeigt das Leben des Protagonisten wie es war, bevor die Story begann; Gibt wichtige Hinweise zu den Hintergründen der Figur, zeigt meistens noch (bei Kombination mit Traum und Spiegeltrick) das Aussehen und einen Einblick in die tragische Backstory
    • Warum du das nicht verwenden solltest:
      • Es ist die am wenigsten unterhaltsame Art, deinen Protagonisten vorzustellen (Allein die obenstehende Abfolge zu sehen, langweilt mich zu Tode)
      • Es ist irrelevant für die Story an sich

Das kannst du schon so machen – Methoden, die du nutzen kannst, solange du es nicht übertreibst

  1. Der Protagonist stellt sich selbst vor
    • Verwendet man diese Methode, beginnt damit das erste Kapitel
    • Wird gern in Filmen verwandet
    • Folgt folgendem Prinzip: „Die Leute sagen über mich, ich bin geistesgestört. Doch das stimmt nicht ganz. Es sind die Geister, die mich stören. Sie machen mich verrückt.“
    • Zur Verwendung:
      • Macht nur Sinn, wenn du aus der Ich-Perspektive erzählst bzw. einen Weg findest, wenigstens das erste Kapitel so zu beginnen (z.B.: Jemand schreibt einen Brief oder einen Tagebucheintrag)
      • Nur auf außergewöhnliche Charaktere anwendbar, besonders wenn diese übernatürliche Fähigkeiten besitzen.
      • Kann bei unsachgemäßer Verwendung schnell irritierend und nervig werden (schlechtes Beispiel: „Ich bin Ashley und halbe langes, blondes Haar und blaue Augen. An normalen Tagen gehe ich gern mit meinen Freunden bla bla bla. Doch dann kam ER an unsere Schule. Und die schönen Tage waren mit einem Mal vorbei!“)
  2. Er-Erzähler stellt Protagonisten vor
    • Damit beginnt meist das erste Kapitel
    • Folgt dem Prinzip: „Der kleine Alphonse R. wurde an diesem Tag wegen schwerer Knochenbrüche ins Krankenhaus gebracht. Er hatte es verdient.“
    • Zur Verwendung:
      • Bitte nur bei außergewöhnlichen Charakteren oder Gegebenheiten verwenden, sonst droht ein ähnlich negatives Ergebnis wie im Schlechten Beispiel unter Punkt 1
  3. Ein anderer Charakter stellt den Protagonisten vor
    • kann so ähnlich aussehen, wie in Punkt 2 – oder:
    • Der Protagonist befindet sich in einer Krise (idealerweise die Einstiegskrise, mehr dazu findest du weiter unten oder hier) und eine andere Figur steht ihm bei, spendet Trost, indem er einige nette Dinge über den Prota sagt. ( z.B.: „Jetzt hör aber auf! Du bist wunderschön. Du bist mutig, du bist stark, du bist die verdammte Klassenbeste. Wenn er das nicht sehen kann, ist das sein Problem!“) – oder:
    • Der Protagonist steht einem Kritiker, Konkurrenten oder Feind gegenüber. Dieser schätzt ihn sachlich bis abwertend ein (z.B.: Vorstellungsgespräch, Streit,…)

Was immer funktioniert – die Profi-Tipps

Diese Methoden sind nicht auf nur eine Situation oder Szene zu begrenzen, sondern erstrecken sich über mehrere, teilweise das ganze Buch hindurch. Darum erfordern sie auch ein wenig mehr Geduld und Geschick.

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  1. Describe as you go
    • Der Protagonist wird schrittweise innerhalb des Handlungsverlaufes beschrieben.
    • Etwas schwieriger beim Ich-Erzähler einzubauen, doch nicht unmöglich
    • Über die Paragraphen und Kapitel hinweg werden immer wieder kleine Informationsbrocken in die Handlung eingebaut, z.B.: „Seufzend führ sie sich durch das blonde Haar.“, „Er nickte. Seine grauen Augen glänzten silbern im Morgenlicht.“ „Erst jetzt bemerkte er, wie sehr ihre blau lackierten Finger zitterten.“, „Sie wurde sich bewusst, wie unpassend sie tatsächlich gekleidet war. Im Blümchenkleid stand sie auf seiner Beerdigung.“
    • Es sind die Details, die eine Figur menschlich werden lassen.
    • Zur Verwendung:
      • Nutze nicht immer wieder die selben Details wie Haar oder Augenfarbe
      • Verstreue die Beschreibungen gut im Text. Der Leser soll gar nicht merken, dass du diese Technik benutzt.
      • Lass eine Beschreibung nie zu lang werden. zu viele Adjektive können schnell deplatziert wirken (z.B.: „Sie strich sich mit der linken Hand durch ihr langes, seidig glänzendes, blondes Haar.“)
      • Die allgemeinsten Fakten (Geschlecht, Name, ungefähres Alter) sollten dennoch frühzeitig bekannt werden, damit dein Protagonist im Kopf des Lesers nicht über Kapitel hinweg nur als schwarzer, unbestimmter Fleck auftritt.
  2. Die Einstiegskrise
    • Die professionelle Alternative zu Ein paar Stunden Alltag
    • Bereits im ersten Kapitel wird der Protagonist aus seinem Alltag herausgerissen, sieht sich vor ein Problem gestellt, das sich aus seinem normalen Leben ergibt. Mit Fortschreiten der Krise steuert der Protagonist (aktiv oder passiv) weiter zu auf den Inciting Incident, den Punkt ohne Widerkehr zum alten Leben.
    • Während dieser Krise kehrt der Prota gedanklich immer wieder zu seinem eigentlichen Alltag zurück und zieht Vergleiche. Er fragt sich, was andere Personen aus seinem näheren Umfeld (Freunde, Verwandte) von dieser Situation halten würden oder wie es sich auch auf diese auswirken würde.
    • Spannung entsteht von der ersten Minute an
    • Zur Verwendung:
      • Krise muss sich aus dem gewohnten Leben des Protas ergeben (z.B.: ein Freund bittet ihn um einen ungewöhnlichen Gefallen, beim Wocheneinkauf trifft sie auf einen alten Schulkammeraden/die große Liebe oder wird überfallen) und logisch erklärbar sein.
      • Um relevant für die weitere Geschichte zu sein, muss sie zum Inciting Incident führen oder zumindest darauf vorbereiten
      • Idealerweise zeigt der Protagonist bereits wichtige Charaktereigenschaften, beweist beispielsweise Mut, Intelligenz oder Aufopferungsgabe

Welche Methoden verwendest du immer wieder, vielleicht auch aus einer schlechten Angewohnheit heraus? Hast du noch weitere Profi-Tipps auf Lager, die hier noch nicht in der Liste stehen? Lass es mich in den Kommentaren wissen!

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Danke schön dass ihr den Menschen helfen, die benötigten Informationen zu erhalten. Gute Arbeit wie immer.Machen ihr weiter so!!!Zum Glück habe ich eure Seite gefunden.Es gibt es viele hilfreiche Informationen!
    aufsatz aufbau

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