E-Mail: admin@autor-unbekannt.de

Charaktere entwerfen – diverse Methoden

Einen Charakter in vollem Umfang zu entwerfen kann nervenaufreibend und zeitaufwendig sein – doch meistens ist es auch sehr inspirierend und motivierend. (Oder geht das nur mir so?)

Ein erstes Bild, eine grobe Vorstellung, eine Vision. Das ist meist alles, was man zu Beginn von einem Charakter im Kopf hat. Nichts Konkretes. Dabei ist es genau diese Konkretheit, die für die glaubhafte und realistische Darstellung eines Charakters absolut notwendig ist.

Hat man sie nicht, endet man schnell mit einem Klischee oder einer Figur, die kaum ein Leser ernst nehmen kann. Besonders, wenn es sich um den Protagonisten handelt, ist das dieses Fehlen von Konkretheit fatal.

Um nicht in diese Falle zu tappen, wurden von Autoren und Geschichtenschreibern über die Zeit diverse Methoden entwickelt, um einen guten Charakter zu erschaffen. Ein paar meiner Lieblinge stelle ich dir hier vor.

1. Namensfindung

Ein kleiner Beitrag zur Erschaffung eines Charas, doch für viele Autoren von großer Bedeutung. Namen können so vieles über einen Menschen verraten, so vielseitig interpretiert werden. Darum gibt es auch so viele Möglichkeiten, einen guten Namen für deine Figur zu wählen oder erschaffen.

  1. Das Durchwühlen von Namensbüchern und Internetseiten: Die offensichtlichste und auch aufwendigste aller Methoden. Besonders das Internet hat heute einfach eine viel zu große Fülle und Ansammlung von Namensseiten. Der Vollständigkeit zuliebe, wollte ich sie mit erwähnt haben.
  2. Ein Gefühl manifestiert: Selbst zu Beginn des Erschaffungsprozess hat man meist schon eine gewisse Vorstellung, wie ein Charakter ungefähr sein soll. Dazu gehört auch die Natur des Namens. Ist er kurz? Ist er lang? Ein Mittelding? Ein Doppelname? Fließend, praktikabel, musikalisch oder schroff? Bereits der Name übermittelt ein gewisses Bild von einem Charakter. Wieso also das Ganze nicht umkehren und nachfühlen, wie der Name für deine Figur sein soll? So erhältst du mindestens ein paar grobe Kriterien, die dir helfen die Suche nach dem richtigen Namen einzuschränken, im besten Fall sogar schon den Namen selbst.
  3. Kombination von zufälligen Silben und Buchstaben: Ergänzt sich wunderbar mit der 2. Methode. Denkt man darüber nach, wie viele mögliche Buchstabenkombinationen gibt, kann einem schwindelig werden. Doch vielleicht hast du schon ein Gefühl, weiß dass der Name deine Figur mit einem harten Konsonanten beginnt. Irgendwas in die Richtung Roh-, Ka-, Fre-,… Nimm diesen Ansatz und mach weiter. Schreib vielleicht das Alphabet nieder und leg es vor dich, such darin nach weiteren passenden Silben, die den Namen vervollständigen sollen. Si entstehen schnell schöne, einzigartige, kreative Namen: Rohna, Kalinka, Freyden. Diese Methode ist besonders bei der Erschaffung von Fantasynamen hilfreich, auch für Orte, Titel oder Nachnamen. Aber ich warne dich: Fängt man einmal damit an, will man so schnell nicht mehr aufhören. Ich habe z.B. eine ganze Liste mit Namen, die ich gern heraushole, wenn ich Inspiration für einen neuen Chara brauche.
  4. Kombination von Orten und Dingen, die man mit dem Charakter assoziiert: Ähnlich der oben genannte Methode, doch etwas substanzieller. Um keine Klischeenamen zu erhalten wie Svetlana Rotlicht, Freya Freigeist oder Torben Trist, empfiehlt es sich hier, die Namen zu abstrahieren. Hat man beispielsweise einen sehr Künstlerisch begabten Charakter, der seine Kindheit am See verbracht hat, könnte man ihn (den Charakter) beispielsweise Pina (von Pinsel) Swimmar (von Schwimmen) nennen. Oder Leiwa (wie Leinwand) Tang (Seetang). Mit ein bisschen Kreativität sind auch hier die Möglichkeiten wieder endlos. (Übrigens empfiehlt es sich, mehrere Namen zu erschaffen und dann daraus den besten, passendsten auszuwählen)
  5. Bekannte Namen verfremden: Tausche dafür einfach nur ein paar Buchstaben aus oder streiche sie raus. So wird z.B.: aus Margaret Mirranet oder aus Tina Rina oder Tila oder Tinor.

2. Charakter

Die Essence deiner Figur. So wie jeder reale Mensch sollte auch jede Figur einen eigenen Charakter haben. Dabei ist Charakter selten etwas Statisches. Im Verlaufe der Geschichte lernt deine Figur dazu — besonders dein Protagonist –, überkommt Schwächen und Fehler und wächst.

Dies ist ein langsamer Prozess und sollte nicht von jetzt auf gleich passieren.

Darum ist Charakterentwicklung auch oft so schwierig. Wie ist die Figur zu Beginn? Wie entwickelt sie sich? Was ist sie gegen Ende des Buches? All diese feinen Nuancen können schnell miteinander verschwimmen und das macht die Entwicklung oder schlimmstenfalls die ganze Figur unglaubwürdig.

Darum schonmal ein kleiner Tipp vorweg: Entwickle deine Figur mit dieser Transformation im Kopf. Sei dir bewusst, dass sie am Ende des Buches ein mehr oder weniger anderer Mensch sein wird. Darum kann es sein, dass du (wenn du ganz sicher gehen willst) manche Methoden doppelt anwenden musst — einem für deinen Charakter zu Beginn des Buches und einmal zum Ende des Buches.

(Zwar gibt es auch weitesgehend statische Figuren (z.B.: Sherlock Holmes oder Bilbo Beutlin), doch auch die werden regelmäßig mit ihren Schwächen konfrontiert.)

  1. Character Chart/Steckbrief: In einem Steckbrief werden meist nur die allgemeinsten Daten über eine Person abgefragt (Name, Alter, Geburtsort). Für die Zwecke eines Autors lassen sie sich jedoch beliebig erweitern. Manche erstellen sich auch gleich eine komplette Tabelle (Character Chart), die meist noch umfangreicher ist. Diese kann diverse Dinge abfragen(entscheide selbst, wie umfangreich du es willst/brauchst. Das sind nur ein paar Beispiele):
    1. Übliche personenbezogene Daten
    2. Kindheit
    3. Erziehungsstil und Prinzipien der Eltern
    4. prägende Ereignisse
    5. Erste Liebe
    6. Gewohnheiten und Eigenheiten (z.B.: Naserümpfen; am Ohr kratzen; Augenverdrehen; rauchen, wenn nervös)
    7. Soziale und familiäre Hintergründe
    8. Einschränkungen in jeder Hinsicht (Ängste, Behinderungen, Ungeschicklichkeiten)
    9. Wünsche, Träume (Want)
    10. Bedürfnisse (Need)
    11. Wahrnehmung der Welt (z.B.: Spielplatz oder Hölle?)
  2. MBTI: Dieses von Mayers Briggs entwickelte Konzept unterscheidet zwischen 16 Persönlichkeitstypen. Demnach müsste sich jeder Mensch mit einem davon identifizieren können. Sie über die verschiedenen Typen zu inspirieren kann sehr hilfreich sein, um entweder einen Charakter komplett neu zu erstellen oder den passenden Typ für deinen Charakter u finden und ihn so vielleicht etwas besser zu verstehen.
  3. Der Alltag deiner Figur: Über den Alltag nachzudenken hilft dir nicht nur dabei, ein Gefühl für das Leben deines Protagonisten vor dem Inciting Incident zu bekommen, es ist auch optimal, um gewisse Gewohnheiten und Verhaltensweisen deiner Figur zu studieren. Beschreibe den Alltag deiner Figur so grob oder detailliert wie du möchtest. es ist nur eine Übung und soll nicht das erste Kapitel deines Buches werden.
  4. Einen Tagebucheintrag aus Sicht deiner Figur schreiben: Diese Methode funktioniert wunderbar in Kombination mit der Dritten. Du tauchst tief in die Gedankengänge deiner Figur ein, erfährst von ihren alltäglichen Sorgen und kannst ganz nebenbei ihre einzigartige Stimme etablieren.

3. Aussehen und Auftreten

Dieser Teil macht oft besonders Spaß und fällt leicht, da dies meist mit das Erste ist, was uns beim Erschaffen einer neuen Figur in den Sinn kommt (Menschen sind nun mal visuell fokussierte Wesen). Dennoch gibt es auch hier Fallstricke und Dinge die du beachten solltest.

  1. Ethnischer Hintergrund: Dein Protagonist kommt aus Italien oder Spanien? Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass dein Charakter dunkle Augen und Haare hat. Ist das nicht der Fall, bedarf es einer nachvollziehbaren, logischen Erklärung (Migration, Gendefekt o.ä.)
  2. Sozialer Hintergrund: Der beeinflusst vor allem die Geldmittel, die einer Figur zur Verfügung stehen. So wird sich ein Mädchen aus dem Ghetto nicht die selben Sachen leisten können, wie eine Dame aus reichem Hause. Was sie mit den wenigen, ihr zur Verfügung stehenden Mittel macht, ist auch wieder Ausdruck ihrer Persönlichkeit.
  3. Charakter der Figur: Das sollte offensichtlich sein. Eine penible Figur mit guten Manieren wird vermutlich auch sehr auf ihr Äußeres achten. Eine schüchterne Figur hält sich stiltechnisch eher zurück. Eine Figur von rauem Charakter wird sich auch so kleiden und wahrscheinlich wenig Wert auf hübsche Frisuren legen.
  4. Gewohnheiten und Tätigkeiten: Es gibt die verschiedensten Gewohnheiten und Ticks. Einige davon können sich auch auf unser Auftreten auswirken. Ein Künstler beispielsweise läuft auch mal mit bunten Haaren und einer Tasche voll Zeichenutensilien herum. Ein Sportler wird muskulös sein und einen sportlichen Stil haben. Ein Heimwerker hat abgetragene Hosen und Farbklekse auf dem Hemd.

Diese Dinge beziehen sich nicht nur auf Kleidungsstile, Accessoires und Frisuren. Besonders die Lebensumstände und persönlichen Einstellungen einer jeden Figur und Person beeinflussen auch ihr allgemeines Auftreten. Das beinhaltet ihre Art zu Sitzen, zu Gehen (z.B.:zusammengesunken oder aufrecht) und zu Sehen (von oben herab, mit wachsamem Blick?).

Schlusswort

Im Endeffekt beeinflussen sich all diese Dinge gegenseitig. Der Charakter einer Person hat Auswirkungen auf ihr Aussehen. Ein Name (dazu zählen auch Spitznamen, freiwillige wie unfreiwillige) beeinflusst die Art und Weise, wie ein Charakter sich selbst wahrnimmt.

Wie er von deinen Lesern später wahrgenommen wird, hängt dann stark davon ab, wie du deinen Protagonisten präsentierst. (Wie dir das am besten gelingt, erfährst du hier.)

Es gibt sicher noch mehr Kriterien und Methoden, doch die alle Aufzulisten würde irgendwann nur zu Dopplungen führen und ist — sind wir ehrlich — praktisch unmöglich.

Sollte dir trotzdem noch etwas einfallen, freue ich mich über deine Ergänzungen in den Kommentaren 😉

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen