Figuren entwickeln: Der Protagonist

Figuren entwickeln: Der Protagonist

Willkommen zum ersten Teil meiner Beitragsreihe zur Figurenentwicklung. Von nun an werde ich jeden zweiten Montag etwas dazu schreiben, beginnend heute mit der wohl wichtigsten Figur einer konventionellen Geschichte: dem Protagonist.

Der Protagonist ist die zentrale Figur deiner Erzählung. Durch ihre Augen erleben wir die Geschichte (egal, ob als Er- oder Ich-Erzähler). Sie treibt die Handlung aktiv mit voran. Darum sollte sie ein paar gewisse Eigenschaften haben, einige Kriterien erfüllen, wenn sie ihren Job gut machen soll.

1) Dein Protagonist sollte sympathisch sein

Der Leser wird einige wertvolle Stunden mit dieser Figur verbringen. Und du als Autor noch viele weitere mehr. Darum sollte dein Protagonist zumindest ein bisschen sympathisch sein. Niemand verbringt gern längere Zeit mit jemandem, den man nicht leiden kann.

2) Dein Protagonist sollte Charakter haben

Dass dein Protagonist sympathisch sein soll heißt nicht, dass dein Protagonist nicht auch manchmal ein kleines Arschloch sein kann. Jeder hat Fehler. Niemand kann von jedem gemocht werden.

Deine Hauptfigur braucht mehr als alle anderen Figuren einen ganz eigenen Charakter. Das bedeutet Schwächen und Stärken, Ticks, seltsame Angewohnheiten. Das bedeutet widersprüchliche Gefühle: Liebe für einige und Hass für andere Dinge und Personen.

Dennoch gibt es viele Autoren, die ihre Protagonisten bewusst durchschnittlich gestalten (besonders im Hinblick auf Charakter), um damit eine möglichst breite Masse von Lesern anzusprechen. Das macht sie jedoch schnell langweilig und austauschbar.

Meine Meinung dazu: Dein Protagonist muss zu dir und deiner Geschichte passen (besonders zur Geschichte).

In YA und Romance ist die obengenannte Durchschnittlichkeit sehr häufig vertreten. Zum einen, weil für diese Geschichten kein sonderlich komplexer Charakter erforderlich ist. Zum anderen, damit eine möglichst breite Zielgruppe sich mit der Hauptfigur identifizieren kann.

Thriller und Krimis dagegen haben meist Protagonisten, die in irgendeiner Art vorgeschädigt sind. Sie haben mehr Fehler, schlechte Angewohnheiten, keine weiße Weste. Der Cop, der einen Flüchtigen erschossen hat, muss sich hier schließlich auch mit tiefgreifenderen Themen beschäftigen, als die Frau, die von ihrem Freund verlassen wurde.

3) Dein Protagonist sollte nachvollziehbar sein

Dass dein Prota nachvollziehbar sein sollte, bedeutet, dass der Leser in der Lage sein sollte ihn zu verstehen. Warum tut er, was er tut? Warum macht er es nicht anders?Diese Fragen müssen nicht gleich zu Beginn beantwortet werden. Doch spätestens am Ende der Geschichte sollte alles einen Sinn ergeben. Auch wenn der Leser (oder auch du als Autor) ein paar Dinge anders lösen würde, sollte klar sein, aus welchen Gründen der Protagonist in dieser Situation entsprechend gehandelt hat. Das hat wieder viel mit dem Charakter des Protagonisten zu tun.

4) Dein Protagonist sollte motiviert sein

Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt – einen Wunsch, einen Traum, ein Ziel. Etwas, das uns einen Grund gibt zu leben.

Bei Charakteren ist das kaum anders. Auch sie brauchen Wünsche, Träume, Ziele.

Das könnte alles Mögliche sein. Vielleicht will dein Protagonist einen bestimmten Beruf erlernen und ausüben dürfen (Arzt, Pilot, Anwalt, Polizist,…). Vielleicht will er einen geliebten Menschen vor jemandem oder etwas beschützen. Vielleicht will er einen Schatz finden oder seine große Liebe von sich überzeugen.

Diese Motivation deines Protas erhält deine Geschichte am Leben, gibt ihr überhaupt erst einen Grund zu existieren.

Denn wo ein Wille (bei deinem Prota) ist, ist auch ein Weg – und dieser Weg ist oftmals steinig, schwierig und gespickt mit allerlei Hürden und Konflikten.

Hat dein Protagonist ein Ziel, hat er etwas zu verlieren. Und wenn er etwas zu verlieren hat, dann ist das spannend. Der Leser will deinen Protagonisten – den er verstehen und lieben gelernt hat, wenn du alles richtig gemacht hast – siegen sehen; will wissen, ob er am Ende sein Ziel erreicht.

Methoden zur Charakterentwicklung

Nun, da wir wissen, worauf es ankommt, ist es Zeit den Charakter auch zu entwickeln. Ich stelle dir hier fünf Methoden vor, aber natürlich gibt es noch unendlich viele mehr, da auch jeder Autor eigene entwickelt bzw. individuell umsetzt.

Bilder und Zitate sammeln

Zu Beginn ist ein Charakter nur eine große Idee, ein Konzept. Du weißt, du willst einen blonden Surfertyp erschaffen. Oder ein mürrisches Partygirl mit Tattoos in den Straßen New Yorks. Oder eine flippige Kindergärtnerin mit trauriger Hintergrundgeschichte.

Diese Charakterkonzepte an sich sind zu diesem Zeitpunkt nur kaum mehr als Klischees. Um davon wegzukommen, kannst du ins Internet gehen. Auf Seiten wie Pinterest und Weheartit gibt es die wundervolle Möglichkeit, Bilder diverser Themengebiete zu suchen und in Ordnern zu sammeln.

Beginnst du erstmal mit dem blonden Surfertypen, schlägt dir der Algorithmus schnell ähnliche Bilder vor. Die inspirieren dich schnell zu neuen Suchanfragen und ehe du dich versiehst, bist du versunken in den Tiefen des Internets. Und am Ende hast du eine Sammlung mit hinderten von Bildern und Zitaten, die du alle einem Charakter zuordnen kannst. Und jedes dieser Bilder repräsentiert eine weitere Facette des von dir erschaffenen Charakters.

Jetzt musst du nur noch alles ordnen und ins Reine bringen. Perfektes Brainstorming mit hohem Spaß- und Suchtfaktor.

Steckbrief schreiben

Dies ist eine der einfachsten Methoden zur Charakterentwicklung und sie funktioniert wie folgt:

  1. Erstelle einen Steckbrief (oder suche dir einen Vorgefertigten im Internet).
  2. Fülle ihn aus.

Der Umfang des Steckbriefs kann dabei stark variieren. Welche Infos für dich relevant sind, entscheidest du selbst. Ich habe selbst schon mit der recht umfangreichen Character Chart von Shealin Writes gearbeitet, die sie hier auf ihrer Seite veröffentlicht hat (in Englisch).

Einen Tag im Leben des Protagonisten beschreiben

Es gibt Romane, die mit einer Beschreibung des Alltags des Protagonisten beginnen. Ganz nach dem Motto: Benjamin erwachte an einem sonnigen Tag in seinem perfekten Leben. Er stand auf, zog sich die geblümten Boxershorts über seinen perfekten Hintern und putzte seine perlweißen, geraden Zähne.

Das interessiert niemanden. Und ich empfehle es keinem, ein Buch so zu beginnen.

Doch zur Charakterfindung und -entwicklung ist es eine gute Übung. Du erfährst so die Gewohnheiten und Vorlieben deines Protas. Du kannst ihn in aller Ausführlichkeit beschreiben, ohne auf deinen Stil achten zu müssen und erlebst ihn im Umgang mit Freunden und Familie an einem normalen Tag – bevor das Abenteuer beginnt und alles verändert.

Einen Tagebucheintrag verfassen

Wenn du schon einige grundlegende Dinge über deinen Protagonisten weiß, kann es dir helfen einen Tagebucheintrag aus seiner Sicht zu verfassen.So kannst du seine Stimme und Erzählweise finden und etablieren.

Was der Eintrag zum Inhalt hat, liegt dabei ganz bei dir. Mein Tipp dazu: Kombiniere den Tagebucheintrag mit der „Ein Tag im Leben von …“- Übung.

Organische Entwicklung

Ich lasse mein Charaktere gern organisch wachsen. Alles, was es dafür braucht, ist Zeit.

Notiere dir in Stichpunkten deine erste Idee. Im Laufe der nächsten Tage (Wochen, Monate…) fallen dir allerhand Fragen zu dieser Figur ein. Standardfragen, wie die nach ihrer Familie und Wohnsituation, und komplexere, spezifischere Fragen, wie beispielsweise: Warum kann sie keine Kinder kriegen? Wie hat er sein Doppelleben jahrelang vor seiner Familie verstecken können?

Diese Fragen führen zu weiteren Fragen, welche zu weiteren Fragen führen. Dieser Prozess kann sich über Monate erstrecken und ist meiner Erfahrung nach nie ganz beendet. denn es gibt immer noch irgendwelche Kleinigkeiten, die man hinterfragen kann.

Die Kunst bei dieser Methode liegt darin, zu wissen, wann es reicht und man aufhören kann. (Auf dieselbe Weise kann man übrigens auch wunderbar einen groben Plot entwerfen, wenn man noch nichts weiter hat, als den entsprechenden Protagonisten.)

Fazit

Kenne deinen Protagonisten wie einen besten Freund, bevor du beginnst über ihn zu schreiben.

Das bedeutet, du solltest wissen, was er mag und nicht mag, wo er herkommt, wie er wohnt und spricht, sich kleidet und wie er läuft. Du solltest ein paar grundlegende Dinge über seine Familie und Vergangenheit wissen. Du solltest seine typischen Antworten auf bestimmte Fragen kennen.

Es bedeutet jedoch nicht, dass du jedes kleinste Detail über ihn wissen musst. Manche Freundin kennt man schon Jahre, bevor man erfährt, dass sie Ballsportarten hasst, weil sie selbst kaum weiter als 15 Meter werfen kann. Wenn man mit dieser Freundin noch nie Ballspielen musste oder das Thema generell in vorhergehenden Gesprächen nie zur Sprache kam – woher sollte man es auch wissen? Es war bisher nicht relevant.

Welche Methoden nutzt du zur Entwicklung deines Protagonisten?

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Dieser Beitrag hat 14 Kommentare

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  2. lustigerweise auch Anna :)

    Hallo Anna,
    vielen Dank für deine Posts auf diesem Blog. Ich schreibe schon seit ich 4 Jahre alt bin Geschichten (und das ist jetzt echt nicht übertrieben… meine erste Geschichte entstand kurz nach der Hochzeit meiner Tante und meine Mutter war gerade schwanger. Die Geschichte heißt: Kathi und die Hochzeitsfee. Puli und Hose statt Kleid und handelt um eine schwangere Braut, die kein Brautkleid anziehen kann)
    Warum schreibe ich das hier? 🙂 Ich weiß es nicht, ich schreibe einfach mega gerne alles mögliche.
    Und deine Posts helfen mir immer richtig, wenn ich nicht weiterweiß. So wurde zum Beispiel meine letzte Protagonistin in einem Buch über Verrat so unglaublich langweilig, dass ich gar keine Lust mehr hatte, mir meine eigene Geschichte durchzulesen geschweige denn daran weiter zu schreiben. Mein jetziger Protagonist (basierend auf diesem blogpost) ist jetzt ziemlich tiefgründig. Ich habe noch einen Tipp: Einen Schlüssel zu der Vergangenheit.
    Dieser Schlüssel ist zum Beispiel bei Harry Potter die Narbe, bei der Tintentriologie das Buch usw.
    Bei meinem jetzigen Protagonisten ist es die Armbanduhr seines Vaters. Es gibt also immer etwas, was man als Schlüssel verwenden kann, und was die Protagonisten glaubwürdiger macht.

    Vielen Dank wie gesagt, Anna, deine

    Anna 🙂

    1. Anna

      Hallo Anna,
      Es freut mich wirklich sehr zu hören, dass dir meine Beiträge weiterhelfen konnten 🙂
      Dein Tipp zum Schlüssel zur Vergangenheit ist wirklich gut, vorallem da es beinahe universell einsetzbar ist. Auch wenn nicht jedes Ereigniss physische Spuren hinterlässt, können auch Psychische Spuren (Erinnerungen, Traumata, psychische Krankheiten) als solch eine Verbindung zur Vergangenheit funktionieren.
      Liebe Grüße,
      Anna 😉

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