Warum du diesen Artikel nicht lesen solltest

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Das ist ein Artikel über Schreibtipps. Aber du liest ihn, statt zu schreiben. Warum?

Im Internet gibt es mittlerweile tausende Artikel (in den verschiedensten Sprachen) über das Schreiben.Jeder erzählt dir etwas anderes und doch sind sie im Endeffekt alle gleich.

Schreib so wie ich und die Experten das machen, dann wird dein Buch ein Erfolg.

~ Hauptaussage vieler Schreibtipps

Auch dieser Artikel wird im Endeffekt nicht viel anders sein. Schließlich kann man anderen nur raten, was man selbst getestet für erfolgsversprechend befunden hat.

Dennoch solltest du dir nicht alles zu Herzen nehmen, was die Leute aus dem Internet behaupten. Was für sie funktioniert, muss dir nicht helfen. Und andersherum.

Für jeden ist der Schreibprozess — oder jeder Kreative Prozess — eine ganz individuelle Erfahrung.

Das ist die Freiheit des Schaffenden. Er kann schaffen, was er will. Und wie er will. Auf die für ihn bestmögliche Art.

Das heißt natürlich nicht, dass du dir von anderen keine Tipps holen oder dich nicht weiterbilden sollst.

Das heißt, dass du dich nicht einschüchtern lassen sollst. Nur weil Methode XY für dich nicht funktioniert, heißt das nicht, dass dein Buch automatisch floppt. Nur weil es das Kriterium Z nicht erfüllt, heißt das nicht, dass es auf ewig in der Schublade verstauben wird.

Die meisten Tipps haben ihre Berechtigung und je öfter sie in verschiedenen Quellen auftauchen, desto richtiger und wichtiger sind sie wahrscheinlich. Aber sie sind keine allgemeingültigen Regeln, die du nicht brechen kannst (oder darfst).

Schreiben ist eine Kunst.

Und Kunst kennt keine Regeln.

In diesem Sinne…

Meine 9 besten Schreibtipps:

1. Plane vorher, was du schreiben willst

Nichts ist schlimmer, als endlich Zeit zum schreiben gefunden zu haben und dann vor einer leeren Seite zu sitzen. Der Cursor blinkt, du brennst darauf zu schreiben, doch in deinem Kopf ist nichts als Zuckerwatte.

Du weißt nicht, was du schreiben sollst. Daher: Überlege es dir beim nächsten Mal am besten vorher.

Je nachdem, ob du Plotter oder Pantser bist, kannst du dir einen kleinen Plan zurechtlegen.

Als Plotter hast du wahrscheinlich schon das ganze Buch vorausgeplant. Doch kennst du auch den Inhalt der einzelnen Kapitel und Szenen? Vielleicht würde es dir helfen, vorab einen Kapitelplan zu erstellen.

Als Pantser hast du wahrscheinlich nur eine vage Idee von dem, was kommst. Doch du weiß, was schon war. Lies dir am besten, die letzten 1-2 Absätze durch, die du beim letzten Mal geschrieben hast. Was muss als nächstes passieren? Was ist die logische Konequenz?

Mach dir ein paar Stichpunkte oder Notizen auf einem kleinen Zettel. Überlege dir, von welchem Punkt aus du die nächste Szene starten möchtest. Hast du einmal diesen Startpunkt, kann dich eigentlich nichts mehr bremsen.

2. Ziele setzen

Es ist wichtig, Ziele zu haben, sonst bringst du wahrscheinlich nie etwas zu Ende.

Was willst du mit deinem Buch anfangen, wenn es beendet ist? Wann willst du das erreichen?

Überlege dir, wie oft du in der Woche zum Schreiben kommst und mache dir einen kleinen Plan. Du könntest dir vornehmen, dreimal die Woche 1.000 Wörter zu schreiben. Oder jeden Tag 300.

Wie du deine Ziele gestaltest, ist ganz dir überlassen. Aber du solltest dir welche setzten. Tagesziele, Wochenziele, Jahresziele.

Du willst dein Buch noch dieses Jahr beenden? Dann kannst du dir ja ausrechnen, wie viel bis dahin noch zu machen ist. Passe deine Ziele entsprechend an und halte dich so gut es geht an deinen Plan.

Denn wie oft kommt es vor, dass man mal Zeit hat zum Schreiben, aber dann doch irgendwo in den Tiefen des Internets verschwindet? (Ich sagte doch, du solltest nicht hier sein.)

Auf diese Weise wird dein Buch nie fertig.

3. Stark starten – Einstiegskrise nutzen

Es gibt Tausend Wege, dein Buch zu beginnen. Einige davon gelten (bei mir zumindest) schon als Klischee.

Anstatt deinen Protagonisten irgendetwas Obskures träumen zu lassen oder ihn im ersten Kapitel vor den Spiegel zu stellen, nutze doch lieber eine kleine Krise zu Beginn.

Egal, was die Krise beinhaltet, sie gibt dir die Möglichkeit, gleich mit Action zu starten. Du gibst dem Leser einen Einblick in die Welt deines Protagonisten und zeigst ihm schon vor Beginn der eigentlichen Story, wie er unter Stress reagiert, was ihm wichtig ist, wie sein normales Leben aussieht.

Dabei kann die Eingangskrise den Inciting Incident einleiten oder vollkommen unabhängig von der Story sein.Es liegt bei dir.

Mehr über die Einstiegskrise und erste Kapitel erfährst du hier.

4. Vermeide Infodump (besonders bei Figurenvorstellungen)

Infodumps – also das Abladen von einem großen Haufen Informationen an einer Stelle – sind weder spannend noch gern gesehen. Tatsächlich sind sie der schnellste Weg, wie du deinen Leser dazu bringen kannst, die Augen zu verdrehen, genervt zu seufzen und dein Buch beiseite zu legen.

Darum sollest du Infodumps möglichst vermeiden.

Besonders bei der Vorstellung eines Charakters, den dein Protagonist schon vor Beginn der Story kannte, ist die Versuchung jedoch groß. Es ist nämlich so verführerisch einfach zu schreiben:

"Das ist Lara, meine beste Freundin. Ich kenne sie seit dem Kindergarten, wir haben alles zusammen gemacht. Sie ist wie ich 16 Jahre alt, hat schwarze Haar und wunderschöne, braune Rehaugen. Sie ist ein super netter Mensch, hat einen älteren Bruder und ihre inkontinente Oma backt jeden Sonntag Kekse im Altenheim."

Super. Keinen interessiert’s.

Es gibt viel elegantere Wege, dem Leser diese Informationen mitzuteilen, an einer Stelle, an der sie tatsächlich für die Geschichte relevant sind.

Bonustipp: Manchmal ist es besser, die Informationen ganz zurückzuhalten. Indem du den Leser im Dunkeln tappen lässt, erschaffst du Spannung. Er wird sich fragen, was es damit auf sich hat, was genau damals passiert ist, wer wirklich die Stinkbombe auf der Mädchentoilette deponiert hat. Und diese Fragen werden ihn dazu zwingen, weiterzulesen, wenn er sie je beantwortet haben möchte.

5. Mit allen Sinnen

Wenn sich deine Szenen flach und leblos anfühlen, hast du beim Schreiben vielleicht nicht alle Sinne verwendet.

Oftmal vergessen wir: Wir nehmen unsere Welt um uns herum nicht nur durch sehen und hören wahr. Wir spüren auch den leichten Nieselregen auf unserer Haut, schmecken den Staub in der Luft, riechen den Duft der Regenluft und Frühlingsblumen.

Solche Details machen deine Geschichte und Charaktere um ein vielfaches lebendiger.

6. Dialoge natürlich entwickeln lassen

Geh so unvoreingenommen wie möglich an das Gespräch heran, das du schreiben willst. Im wahren Leben legst du dir auch keine Worte zurecht und selbst wenn du es tust, erhälst du kaum die Möglichkeit, diese zurechtgelegten Worte wirklich auszusprechen.

Das Gespräch entwickelt sich immer anders, als gedacht. Eine kleine Bemerkung kann alles in eine ganz andere Richtung lenken. Hat einer der Gesprächsteilnehmer besonders schlechte (oder gute) Laune, hat das ebenfalls noch mal einen weitreichenden Effekt.

Darum lasse deine Figuren so gut es geht selbst entscheiden, was sie sagen wollen und vor allem, wie sie es sagen wollen.

Dabei brauchst du dir zu Beginn erstmal keine Gedanken darüber zu machen, ob alles, was gesagt wird, wirklich für den Plot relevant ist oder die Szene eventuell zu lang wird.

Solche Dinge kann man während der Überarbeitung noch abändern und verbessern.

Meist reichen bei der Planung ein paar wenige Stichpunkte. (Wer sucht das Gespräch und warum? Worum geht es? Welches Ergebnis wir erzielt)

Wenn deine Charaktere dann einmal im Redefluss sind, lass es fließen.

(Wenn es mal nicht fließen sollte, sprich den Text mit. So bekommst du ein Gefühl für die Worte und kannst eventuelle Stolpersteine aus dem Weg räumen. Außerdem stellst du so sicher, dass die Worte auch natürlich klingen und nicht allzu gestelzt daherkommen.)

Mehr zum Thema findest du hier: Wie du fantastische Dialoge schreibst

7. Write drunk, edit sober

Dieses Zitat von Hemingway ist an dieser Stelle nicht wortwörtlich zu meinen. Die Zeit, in der Künstler Drogen und Alkohol konsumierten, um ihre kreativen Kräfte fließen zu lassen, ist längst vorbei.

Dennoch ist dieser Ratschlag nicht ganz verkehrt. Man kann ihn nämlich auch folgendermaßen interpretieren:
Schreib, während du im Flow bist, ohne dabei groß auf deine Worte zu achten. Schreib dir die Seele aus dem Leib. Schreib, auch wenn erstmal wenig gutes dabei rauskommt.

Hinterher kannst du alles korrigieren, mit nüchternen Augen deine Worte betrachten, sobald sie einmal zu Papier gebracht worden.

Kurz: Erst fertig schreiben. Und zwar die komplette Rohfassung. Dann kannst du zurückgehen und alles korrigieren.

Denn was nützt dir eine wunderbar ausformulierte Szene, wenn du hinterher feststellen musst, dass sie inhaltlich nicht länger ins Manuskript passt?

Ich habe früher auch den Fehler begangen und bereits geschriebene Kapitel korrigiert, wenn ich mal keine Lust hatte weiterzuschreiben. Das Ergebnis war, dass ich nie über das 10. Kapitel hinausgekommen bin, weil mir immer wieder neue, bessere Dinge eingefallen sind und ich dafür aber den gesamten Plot über den Haufen werfen musste.

Spar dir die Zeit. Mach nicht denselben Fehler. Seitdem ich meinen inneren Perfektionisten ignoriere und einfach immer weiter schreibe, habe ich so viel mehr geschafft und bin nun in einem Jahr der Veröffentlichung näher gekommen, als ich es zuvor in vier Jahren je war.

8. Show, don’t Tell

Dieser Tipp ist wirklich überall. Doch für diejenigen, die ihn noch nicht kennen:

„Show, don’t Tell“ bedeutet „Zeigen, statt erzählen“. Das heißt, anstatt dem Leser zu erklären, dass das Haus rot war, zeige ihm die Backsteine und das Leuchten der Sonne, die die Farbe noch intensiver erscheinen lässt.

Statt zu sagen „Hans-Peter war ein guter Junge“, zeig wie nett er zu seinen Mitschülerin ist und wie er seinen Eltern gehorcht.

Diese Dinge prägen sich viel besser beim Leser ein. Außerdem gibt es ihnen die Chance, sich selbst eine Meinung von den Figuren und Situationen zu bilden.

Ein weiterer Vorteil: Vielschichtigkeit. Du kennst sicher ein Buch, das du schon dreimal gelesen und in dem du dennoch immer wieder etwas Neues entdeckt hast. Die Autoren solcher Bücher haben das Prinzip von Show, don’t Tell perfektioniert. Wenn du also selbst damit Probleme hast, empfehle ich dir, so ein Buch noch mal zur Hand zu nehmen und es ganz bewusst zu lesen.

9. Schreiben

Der ultimative Tipp. Ich habe dich zu Beginn des Artikels gefragt, warum du ihn liest, statt zu schreiben. Die Frage steht noch immer.

Man lernt am besten, indem man tut, was man lernen will. Was nutzen dir all die Tipps, wenn du sie nie anwendest?

Genau. Nichts.

Je mehr du schreibst, desto besser wirst du auch darin werden. Irgendwann wird Erfahrung aus dir sprechen, statt die wiedergekaute Meinung dutzender anderer Ahnungsloser.

Darum lautet mein bester Tipp: Schreib einfach. Mach dir nicht zu viele Gedanken über das Wie. Es wird schon. Wenn du dran bleibst.

Also los! Was suchst du noch hier? Geh Schreiben. Du hattest Zeit, einen Artikel zu lesen, den du nicht lesen solltest, also hast du auch Zeit, deinem Manuskript ein paar Worte hinzuzufügen.

Ich wünsche dir viel Spaß dabei 😉

Und hoffe, mein kleiner Tritt in den Hintern hat dir geholfen.

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