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Scene & Sequence: So sind spannende Kapitel aufgebaut

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Auch Kapitel folgen (Plot)Strukturen, also einem ganz bestimmten Aufbau. Viele Autoren machen das aus jahrelanger Leseerfahrung instinktiv richtig – zumindest in 50% der Fälle. Doch wäre es nicht genial, eine einfache, idiotensichere Methode zu kennen, um jedes einzelne Kapitel fesselnd zu schreiben?

Die Grundbausteine guter Kapitel

Jedes Kapitel sollte stets diese 3 Bedingungen erfüllen:

  • Konflikt: Etwas steht dem Protagonisten im Weg, das ihn davon abhält, sein Ziel zu erreichen.
  • Veränderung: Dieser Konflikt sorgt für Veränderung. Falls du dir mach nicht sicher bist, ob eine ausreichende Veränderung in deinem Kapitel stattfindet, betrachte die Stimmung deines Protagonisten. Die sollte sich im Verlauf der Geschehnisse wandeln. War er zu Beginn beispielsweise selbstsicher und sorglos, verlässt er das Kapitel mit einem Berg voller Zweifel.
  • Momentum bewahren: Die entsprechende Veränderung muss den Plot voranbringen. Du darfst dich nicht im Kreis drehen oder auf der Stelle treten.

Solltest du dir unsicher sein, ob dein Kapitel funktioniert, untersuche es auf diese 3 Aspekte.

Scene & Sequence

Der Grundgedanke hinter Scene & Sequence ist simple. Er fundiert auf dem altbekannten Prinzip von Aktion und Reaktion, wobei Scene die Aktion und Sequence die Reaktion darstellt.

Da auf jede Reaktion auch wiederum eine neue Aktion folgt, bildet diese Abfolge einen perfekten Kreislauf, der beliebig oft wiederholt werden kann.

Scene

Scene bildet die erste Hälfte deines nächsten bomben Kapitels. Sie funktioniert wie folgt:

  1. Ziel
  2. Hindernis/Konflikt
  3. Eskalation

Der Protagonist hat zu Beginn des Kapitels ein ganz spezifisches Ziel. Das kann etwas kleines sein — wie Eier kaufen — oder etwas Großes — wie endlich den Antagonisten zur Strecke zu bringen.

In jedem Fall sollte dieses Ziel so gewählt sein, dass dessen Erfüllung deinen Protagonisten näher an sein übergreifendes Story-Ziel bringt. Nur so gerantierst du die Veränderung, die jedes gute Kapitel benötigt.

Ein Beispiel:
Aura ist eine 16-jährige Adlige und einzige Erbin ihres Hauses. Nach dem Tod ihres Vaters muss sie dessen Position am Hof und im Regierungsrat einnehmen. Ihr übergreifendes Story-Ziel ist es, den Tod ihres Vaters aufzuklären und dem Namen ihres Hauses Ehre zu machen. Doch dafür muss sie erst einmal das Vertrauen und den Respekt der anderen Lords im Rat gewinnen.

Hier ist Auras Ziel für die Szene, den Respekt der Lords zu gewinnen.

Da das Ziel des Protagonisten selten so leicht zu erreichen ist, stößt er bald auf Hindernisse. Diese bilden den Konflikt, den wir für unser Kapitel brauchen.

Bei der Anzahl der Hindernisse kannst du dich grob an der magischen Zahl drei orientieren. Grob, da die Hindernisse oft nah beieinander liegen oder die logische Konsequenz voneinander sind, was es manchmal schwer macht, die Grenze zwischen ihnen zu ziehen

Zurück zu Auras Beispiel:
Hindernis Nr. 1: Aura ist gerade erst am Hof angekommen, als eine übereilte Ratssitzung angekündigt wird. Da sie mitten im Umzugsstress steckt und erst in letzter Minute informiert wird, erscheint sie zu spät zu ihrer ersten Ratssitzung.
Hindernis Nr. 2: Als sie endlich ankommt, erhält sie keinerlei Begrüßung oder Erklärung. Sie bekommt lediglich von einer Assistentin einen Stapel von Mitschriften in die Hand gedrückt, in denen die letzten 3 Ratssitzungen festgehalten wurden.
Hindernis Nr. 3: Aura wird schließlich darüber informiert, dass sich alle Ratsmitglieder ihre Aufgaben teilen. Da alle guten und wichtigen Aufgaben bereits vergeben sind, bleibt für Aura nur ein Haufen Papierkram, der sie ewig beschäftigen wird.

All das beweist, dass die Lords Aura in keinster Weise respektieren und es ihr schwer machen werden, wo sie nur können. Das macht Auras Ziel beinahe unerreichbar.

Die Eskalation der Situation ist das logische Resultat. Der Konflikt wird durch das letzte Hinderniss bis auf die Spitze getrieben und es entscheidet sich, ob der Protagonist sein Ziel erreicht oder sich unterkriegen lässt.

Da jede gute Geschichte von Konflikten lebt, sollte deinem Prota niemals die perfekte Lösung für alles in den Schoß fallen (außer vielleicht im allerletzten Kapitel). Er muss immer irgendwelche Abstriche machen, darf nie ganz zufrieden sein.

Damit gibt es für dich drei Möglichkeiten, wie die Eskalation ausgehen könnte:

  • Sieg, aber: Der Protagonist erreicht sein Kapitelziel, doch nur unter bestimmten Bedingungen, die ihn weiter unter Druck setzen.
  • Niederlage, aber: Der Protagonist kann sein Ziel nicht erreichen, doch hat noch Hoffnung oder ein Ass im Ärmel.
  • Niederlage ohne Hoffnung: Alles scheint verloren.

In Auras Fall sieht es folgendermaßen aus:
Nachdem sie ihre Aufgaben erhalten hat, wird Aura von der Sitzung entlassen, obwohl diese noch in vollem Gange ist. Ihr Protest führt nur dazu, dass man sie noch mehr wie ein Kind behandelt. Gedemütigt verlässt sie die Veranstaltung.

Sequence

Sequence beschreibt die Reaktion des Protagonisten auf den Konflikt und die Eskalation aus der vorhergehenden Szene. Dieser Teil des Kapitels ist oft etwas kürzer, da die folgenden Punkte auch gut durch inneren Konflikt gelöst werden können.

  • erste, emotionale Reaktion
  • Gedanken
  • Handlungsmöglichkeiten
  • Entscheidung

Die erste Emotionale Reaktion erfolgt sofort nach der Eskalation des Konflikts. Sie ist instinktiv und kann eine Menge über die Persönlichkeit deiner Figur verraten.

Auras Emotionale Reaktion habe ich hier sogar schon etwas vorweggenommen.
Als sie mit der Aussage „lass die Erwachsenen reden“ von der Ratssitzung verwiesen wird, ist sie gedemütigt. Sie ist zu beschämt, um weiter zu protestieren und geht.

Nach den Emotionen kommen die Gedanken. Diese sind an dieser Stelle noch stark emotional gefärbt.

Wie etwa bei Aura:
Sie verflucht die alten Lords und schwört, dass sie es eines Tages bereuen werden, sie so unterschätzt zu haben.

Die Emotionen und Gedanken waren die erste, instinktive Reaktion des Protagonisten auf die Eskalation des Konflikts. Ist das überwunden, wird er versuchen, eine Lösung für die Situation zu finden, die ihn idealerweise näher an sein Hauptziel bringen wird.

Der Protagonist hat nun einige Handlungsmöglichkeiten. Wichtig ist es an dieser Stelle, den Leser nicht mit 10 verschiedene Möglichkeiten zu erschlagen, sondern den Prota vor eine klare Wahl zu stellen: A oder B.

Strukturell kannst du das auf zwei Arten umsetzen:

  • Intuition: Der Protagonist kann seine Möglichkeiten durch logische Überlegungen erschließen oder kennt sie bereits. Das bietet sich an, wenn er sich bereits länger mit dem Problem beschäftigt oder zuvor Pläne geschmiedet hat.
  • Stimulation von Außen: Der Protagonist hat keine Ahnung, was er jetzt tun soll. Erst nach und nach tauchen neue Optionen für ihn auf – z.B. im Gespräch nicht Freunden, Mentoren oder durch Alltagssituationen

Da Aura bisher kaum Zeit hatte, sich am Hof (einem neuen Umfeld) zu orientieren, hat sie noch keine Ahnung von den Spielregeln. Sie ist sich unsicher und weiß nicht, was sie machen soll. Daher ist sie auf Stimulation von Außen angewiesen.

Aura trifft auf die Söhne von einem der alten Lords, die sie bei Hof willkommen heißen wollen. Zur Begrüßung laden sie sie auf ein Dinner ein, bei dem weitere junge Lords und Ladys anwesen sein werden. Die perfekte Networking-Möglichkeit.
Aura hat damit nun die Option weiterhin zu versuchen, sich den Repekt der alten Lords zu verdienen. ODER: sie kann ihr Glück mit der neuen Generation von Adligen versuchen.

Konfrontiert mit diesen Möglichkeiten muss der Protagonist nun eine Entscheidung treffen. Diese Entscheidung wird dann zum Ziel der Scene des nächsten Kapitels.

Hier:
Aura entscheidet sich dafür, die Einladung zum Dinner anzunehmen und Verbündete unter den jungen Lords und Ladys zu suchen.

Hinweise zu Scene & Sequence

Das Scene & Sequence-Prinzip lässt sich wunderbar auf Kapitel anwenden, doch kann auch in größerem Rahmen genutzt werden.

Da Kapitel mit dieser Methode ziemlich lang werden können, ist es in manchen Fällen ratsam, Scene und Sequence in jeweils separate Kapitel zu teilen. Wichtig ist dabei nur zu beachten, dass sich die beiden Teile wieder nahtlos aneinanderfügen, insbesondere, falls du zwischendurch die Perspektiv-Charaktere wechselst.

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